Torcello

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Torcello
Torcello mit den Kirchen Santa Maria Assunta (im Hintergrund) und Santa Fosca • Foto: fm

Wer die Insel Torcello besucht, reist vermutlich mit dem "Vaporetto" an, dem üblichen öffentlichen Verkehrsmittel in der Lagune von Venedig. Die Überfahrt von Burano nach Torcello dauert nur wenige Minuten, von Treporti aus muß etwa eine Viertelstunde mehr eingeplant werden. Von der Anlegestelle im Westen dieses nur maximal 2 Meter über das Wasser der Lagune hinausragenden, etwa 45 Hektar großen Stück Landes führt an einem Kanal entlang ein Fußweg in Richtung Nordosten. Eine üppige Vegetation beherrscht die Insel, zwischendurch sieht man vereinzelte Gebäude und in der Ferne einen Kirchturm, welcher hier "Campanile" genannt wird.

Die von mehreren Kanälen durchzogene Insel ist sehr ruhig und wird nur von vergleichsweise wenigen Touristen aufgesucht. Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß sich hier einst ein bedeutendes Handelszentrum mit fast 20.000 Einwohnern, einem Bischofssitz, rund 20 Kirchen sowie 16 Klostern befunden haben soll. Die Blütezeit dieser Lagunenstadt fällt in das 9. und 10. Jahrhundert. Von der einstigen Pracht sind zwei Kirchen, einige "Palazzi" und diverse weitere Fragmente geblieben. Auch die Einwohner haben die Insel fast vollständig verlassen. Der erwähnte Weg entlang des Kanals führt an vielen dieser Relikte einer längst vergangenen Epoche vorüber. Um die Zusammenhänge besser verstehen zu können, ist ein Rückblick in die Vergangenheit der Insel sinnvoll.

Torcello liegt im nördlichen Teil der Lagune von Venedig. Dieser Bereich wird "laguna morta" (tote Lagune) genannt, weil hier keine Gezeiten mehr zu spüren sind. Die Insel wurde nachweislich seit dem Ende des 6. Jahrhunderts bewohnt, archäologische Funde belegen aber die Anwesenheit von Menschen schon zu Beginn unserer Zeitrechnung.

Mit dem Eindringen der Westgoten in die Region Venetien ab dem frühen 5. Jahrhundert zogen sich die Bewohner der umliegenden Städte mehrfach zeitweilig auf die Inseln der Lagune zurück. Das nahe des Festlandes gelegene Torcello war ein bevorzugtes Ziel dieser Fluchtbewegung. Beim Einfall der Hunnen in Norditalien im Jahre 452 wiederholte sich der Rückzug der Festlandbewohner auf die schwer erreichbaren Laguneninseln.

Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wurde Venetien Teil des Reiches der Ostgoten und geriet ab 553 unter die Herrschaft Ostroms. Doch Byzanz verlor das Gebiet schon bald an die Langobarden, welche ab 568 das Land Stück für Stück eroberten und die Bevölkerung zur Flucht veranlassten. Lediglich der Küstenstreifen verblieb unter byzantinischem Einfluß. Viele der geflüchteten Festlandbewohner errichteten auf den Inseln der Lagune von Venedig feste Siedlungen, u.a. auf Burano und Torcello.

Torcello entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Zivilisationszentrum in der Lagune. Im Jahre 638 wurde die Insel Bischofssitz und wuchs bis zum Beginn des 9. Jahrhunderts zu einer wichtigen Handelsmetropole heran. Ab dieser Zeit entwickelte sich aber auf der weiter westlich gelegenen Inselgruppe "Rivo alto" (Rialto) im Zentrum der Lagune eine mächtige Konkurrenz - die heutige Stadt Venedig.

Die Verlegung des Bischofssitzes auf die Insel San Pietro di Castello bei Rivo alto im Jahre 827 leitete den Niedergang von Torcello ein. Um das Jahr 1000 begann zudem die Lagune um Torcello zu versumpfen. Damit einher ging eine erhebliche Malariagefahr für die Bevölkerung. Vermutlich im späten 12. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben. Ein großer Teil der verbliebenen Einwohner siedelte nach Murano und Venedig über. In den folgenden Jahrhunderten sank die Bevölkerungszahl von Torcello immer weiter ab und nähert sich in unseren Tagen allmählich der Null-Marke.

Ihre Einwohner hat die Insel fast alle verloren, doch die großartige, nicht sofort offensichtliche Vergangenheit bleibt ihr erhalten. Auf dem eingangs erwähnten Fußweg nähert sich der Besucher den steinernen Zeugen dieser glanzvollen Epoche. In der Ferne ragt der im Jahre 2013 sanierte Turm der ehemaligen Kathedrale Santa Maria Assunta empor. Diese dreischiffige byzantinische Basilika mit vorgelagertem Baptisterium wurde im Jahre 639 errichtet und in den Jahren 837 und 1008 umgebaut und erweitert. Der "Campanile" entstand im Rahmen der letztgenannten Umgestaltung dieser einstigen Bischofskirche zu Beginn des 11. Jahrhunderts.

Ein Säulengang verbindet die Kirche Santa Maria Assunta mit der ebenfalls byzantinischen, nur wenige Meter entfernten Memorialkirche Santa Fosca. Das kreuzförmige, von einem achteckigen Arkadengang umgebene Martyrion wurde ursprünglich in der Mitte des 9. Jahrhunderts erbaut und um das Jahr 1000 erweitert. Sein heutiges Antlitz erhielt das imposante, aber dennoch in seiner schlichten Gestalt beeindruckende Bauwerk um das Jahr 1120.

Beide Kirchen stehen am Ende des Fußweges unweit des Nordostufers der Insel. Zuvor kommt der Besucher Torcellos an der sagenumwobenen Teufelsbrücke ("Ponte del Diavolo") vorbei. Angeblich sitzt hier in der Nacht des Heiligen Abends der Teufel in Gestalt einer scharzen Katze, um Seelen einzusammeln.

Die Teufelsbrücke ist aber zu allen anderen Zeiten ein beliebtes und pittoreskes Fotomotiv. Wer möchte, kann den Kanal auf der geländerlosen Brücke überqueren und auf verschlungenen Pfaden den Weg abseits der Touristenroute fortsetzen. Am Gasthaus "Locanda Cipriani" treffen beide Wege wieder aufeinander. Wer dort einkehrt, wandelt übrigens auf den Spuren zahlreicher berühmter Persönlichkeiten - von Ernest Hemingway über Lady Diana, der niederländischen Königin Beatrix bis Marc Chagall - und vieler weiterer Stars und Sternchen aus Adel und Unterhaltungsindustrie mehr.

Vom Restaurant sind es nur noch wenige Schritte bis zu den beiden beschriebenen mittelalterlichen Gotteshäusern. Beide auch von innen imposante und sehenswerte Bauwerke können individuell besichtigt werden. Der einstigen Kathedrale Santa Maria Assunta vorgelagert sind die Reste eines Baptisterium, einer in Italien bis ins Hochmittelalter hinein üblichen separaten Taufkirche. Von diesem Bauwerk sind nur Teile der Grundmauern und wenige Mauer- und Säulenfragmente erhalten geblieben.

Ganz in der Nähe befindet sich außerdem das im Jahre 1870 gegründete "Museo Provinciale di Torcello". Es vermittelt mit Hilfe zahlreicher Exponate einen Einblick in die Geschichte der Lagune sowie der Insel Torcello von der Römerzeit bis in die Gegenwart. Ein markanter Stein vor dem Museumsgebäude ist der sog. "Thron des Attila". Der berühmte Hunnenkönig hat aber nie auf diesem aus einem einzigen Block herausgearbeitenen Objekt gesessen. Das holen für ihn die heutigen Touristen nach, welche oftmals von diesem Vorgang ein Erinnerungsfoto machen lassen.

Torcello ist eine Insel der Ruhe und Erholung und natürlich ein Erlebnis für alle kulturell und geschichtlich interessierten Zeitgenossen. Ein Shoppingparadies ist diese Laguneninsel dagegen mitnichten. Dennoch gibt es am Wegesrand vereinzelte kleinere Läden und Verkaufsstände, welche aber nicht an den Umfang und die Vielfalt in Venedig und auf den anderen Inseln heranreichen. Wenn dies auch in Zukunft so bleibt, kann Torcello seinen derzeitigen, sich wohltuend von den übrigen Touristenzielen der Region abhebenden Charakter bewahren.

Neben dem erwähnten Restaurant "Locanda Cipriani" gibt es für die Besucher Torcellos noch mehrere weitere Einkehrmöglichkeiten. All diese Gasthäuser liegen am Hauptweg zwischen der Bootsanlegestelle und den Kirchen bzw. in dessen unmittelbarer Nähe. Einige Bereiche der Insel können außerdem auf abzweigenden Nebenrouten erkundet werden.

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